Wahlnotizen aus Essex – Election Notes from Essex

Zusätzliche Bilder und Text aus Essex zum Taz Wahlvorbericht Großbritannien (Johnson / Zylbersztajn) (Hier: taz.de/Unterhauswahl-in-Grossbritannien/!159231/)

Pictures and text supplementing the pre-election text in the German taz weekend (read here Johnson / Zylbersztajn:  taz.de/Unterhauswahl-in-Grossbritannien/!159231/)

Haltestelle Benfleet.  Viele arbeiten in der Londoner City

“Mitten in Essex liegt Benfleet, eine dreiviertel Stunde mit dem Zug entfernt von Londons Finanzbezirk. Die meisten der fast 50.000 Einwohner sind Wohnungseigentümer mit einer ungewöhnlich niedrigen Anzahl von Sozialwohnungen unter fünf Prozent.”

In the Middle of Essex you find Benfleet, 45 minutes by train from within the London financial district. The majority of the 50.000 residents are home owners, with an unusual low figure of socially rented flats.

Typische raktionaere Fans. Ein Waffenladen in Benfleet mit Ukip Poster.

“Auch hier bestrafte man letztes Jahr die Torys mit den lilafarbenen Pfundsymbol gewappneten Männern.”

It is here too, that the tories were punished by the men wearing the purple emblem.

Konservative Abgeordnete beim Lamentieren im Wahlbuero in benfleet

Rebecca Harris, die hier seit dem Jahr 2010 den Sitz Castle Point, zu dem auch Benfleet gehört, in Westminster vertrat, will einen Sieg des Ukip Kandidaten in den Nationalwahlen verhindern. Sie erzählt von immer wieder heruntergerissenen Plakaten und wie Ukip versuche mit Gerüchte und irrelevanten Argumenten Punkte zu sammeln, beispielsweise mit der Tatsache, dass sie nicht in der Gegend lebe. „Der Ukip Kandidat ist selber erst im März hier hergezogen und gibt sich jetzt als Einheimischer aus. Der Kandidat der aber hier am längsten wohnt ist der von Labour!”

Rebecca Harris is the Conservative MP of Castle Point,of which Benfleet is a part. She wants to prevent Ukip entering parlament. She states that many of her posters are torn down, and how UKIP creates rumours about her, and would point at the fact that she would not live here. “However,” she points out, “the UKIP candidate only moved here in March, and now claims he is a native. The only person who lived here for a long time is the Labour man.”

Will Ukip waehlen, Schellackpollierer Lee O'Brian, 56, Benfleet

Polierer Lee O’Brian, will eigentlich Ukip wählen. Doch das Argument, dass eine Stimme für Ukip die schottischen Nationalisten mit Labour in die Regierung bringen könnte macht ihn Sorgen.

The French Polisher Lee O’Brian wants to vote for UKIP. “Most jobs in the building industry are undercut by Easter Europeans,” he argues. But an entry of the SNP into government alongside Labour worries him.

Strasse in Benfleetmit Ukip und Konservativen Plakaten

Obwohl die Konservativen und Ukip überall plakatieren und vehement Wahlkampf  führen, ist der Enthusiasmus für die einen oder die anderen begrenzt.. Bei den Lokal-und-Europawahlen im letzten Jahr gaben hier 69% Prozent keinen Wahlzettel ab. Köchin Kerry Bird, 46, wird verrät, dass sie genausowenig einen Stimmzettel abgeben werde, wie der neunzehnjährige Spielplatzgestalter Lian Kavaha. Der hat sich noch nicht einmal registrieren lassen, damit er wählen kann.

Altough Ukip and the Conservatives put up placards all over the place, and the battle seems real, many people feel they can not get enthused by all the fuss. At the last elections in 2014 69% of the locals did not vote at all. Cook Kerry Bird, 46, does not want to vote at all. Lian Kahava, 19, a play ground designer, has not even registered to vote, he says.

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Doch diese Herren im “Conservative Club” von Benfleet sind sich sicher, dass sie für die Conservatives wählen werden.

But these gentlemen in the Conservative Club of Benfleet say they will vote only for the tories.

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Markiert durch die unmittelbare Nähe zur Themse, mit kommerziellen und Privaten Anlegerstellen und Fabriken wie der Pharmakonzerns Proecter Gamble, sieht man im unauffälligen Stadtzentrum merklich viele Ein-Pfund Billigläden und „Cash Converter“, Geschäfte in denen man Gebrauchtes für Geld eintauschen kann. Grays, ein paar Hanltestellen von Benfleet entfernt,  ist auch die Geburtsstadt des Komikers und bekannten Lobbyisten Russell Brand. Er forderte, dass keiner wählt, und so beim politischen Spiel nicht mitzumachen, und einige vor Ort bestätigen diese Ansicht, obwohl sie das nicht wegen ihm tun, sondern aus eigenem Missmut zur Politik.

Being near to the Thames, with many commercial and private harbours, and many factories like the pharamceutical company Proecter Gamble, Grays is a town that is not very distinct from many others, except for its unusual high amount of One Pound shops and cash converter stores.  It also the former home of Russell Brand, who argues famously that people should not vote. Many echo his views here, though their non affection for the political game is genuinely theirs.

(c) Daniel Zylbersztajn
(c) Daniel Zylbersztajn

Trotzdem liegt Ukip Kandidat Tim Aker laut Vorhersagen vier Prozent vor Labour und fünf Prozent vor den Konservativen.

In spit of this the UKIP candidate Tim Aker is leading the polls.

(c) Daniel Zylbersztajn
(c) Daniel Zylbersztajn

Mitten in der Fußgängerzone steht Ukip zu trotz ein Einwandererladen „Europa“. Die rumänische Verkaufsassistentin Elena Nistor, sagt die Engländer beschreiben uns so, wie sie selber sind.

Amidst the pedestrianised centre stands a Europe store, as if to spite UKIP.  Romanian shop assistant Elena Nstor claims that the English describe them in a way, that applies much more to themselves.

(c) Daniel Zylbersztajn
(c) Daniel Zylbersztajn

Auch Barkan Ozgur, 22, mit türkischen Familienhintergrund, der im türkischen Grilllokal Asya Mangal gleich neben dem Bahnhof von Grays arbeitet, behauptet. „Grays ist ein Scheißloch“!  „90 Prozent leben hier von der Sozialhilfe, und davon sind viele alleinstehenden Eltern“, weiß er zu wissen“. Obwohl dies übertriebenen ist, nur 13% der Bewohner erhalten Sozialhilfe, nationaler Durchschnitt, stimmen ihm die vier anderen Anwesenden zu. Vielleicht liegt es daran, dass der Großteil der Sozialwohnungen, bis zu 14-Stoeckige graue Hochhäuser, fünf Minuten von hier stehen. „Wir sind die einzigen, die hier arbeiten!“, behauptet auch Wesley Mears, ein 32-jaehriger Projektmanager, dessen Eltern aus der Karibik stammen und weiter „Die weißen Jungs wollen weder für einen Job an einen anderen Ort reisen, noch haben sie oft die notwendige Ausbildung“, glaubt er, und wieder sind sich alle einig.

Barkan Ozgur, 22 who works in a Turkish grill opposite the station says, “Grays is a shit hole. 90 percent of the people who live here do not work here.”  That is exaggerated, as only 13 percent of the residents receive benefits, that is quite the national average. But maybe it is because a lot of the council flats of the area are situated five minutes behind the shop, including some 14 storey high tower blocks. Wesley Mears,32, of African-Caribbean background argues, that white English boys are inflexible when it comes to work: They don’t like travelling to another place for work and often lack the right qualifications. We are the only ones who work here.”

(c) Daniel Zylbersztajn
(c) Daniel Zylbersztajn Ukip Poster in der Mitte. Wohnung in einem Sozialwohnungsbau in Grays. | “Ukip Poster in the middle” Housing Estate in Grays

Der Antikenhändler Mark Johnston, 53, sieht das vollkommen anders, er wir Ukip seine Stimme geben: „Mein jüngerer Sohn hat keinen, der von uns bevorzugen Grundschulplätze bekommen.“ Johnston behauptet, das liege an der Einwanderung von den Osteuropäern. Er sei kein Rassist, hätte sogar polnische Freunde, aber er versteht Grays als bedroht, weil Osteuropäer aus den dort ärmsten Gegenden hier her kämen und sich dementsprechend unmanierlich benehmen würden.

The antique dealer Mark Johnston, 53 wishes to vote for UKIP.  He says he could not get his preferred choice of primary school for his younger son and blames Eastern Europeans for that. He claims he is not a racist, and that he  even has Polish friends. But Grays would be threatened by Eastern Europeans who come from the  poorest areas of Eastern Europe and they would behave themselves accordingly, he says.

(c) Daniel Zylbersztajn Conservatives Wahlplakat in Benfleet  | Poster of teh Conservatives in Benfleet
(c) Daniel Zylbersztajn Conservatives Wahlplakat in Benfleet | Poster of the Conservatives in Benfleet

Ian Davies, 39, in der Tierhandlung gegenüber, umzingelt von Fischtanken, beschreibt sich als den Konservativen verbunden. Seine Stimme kriege jedoch nur jene Partei, welche in den nächsten Tagen am wenigsten dreckigen Tricks spiele. Seine zur Wahl skeptischen erwachsenen Kinder musste er zur Wahl überreden „Das geht nur“, meint Davies im Hintergrund eines kreischenden Papageis, „wenn Politik glaubwürdig und aufrichtig bleibt“.

Ian Davis from a small animal shop argues he is committed to the Tories. But he will only give those the vote who play fairly in the next few days. He says he had to convince his parents to vote and continues, whilst a parrot makes itself heard in the background, that this would only be possible if politicians remain trustworthy and truthful.

(c) Daniel Zylbersztajn
(c) Daniel Zylbersztajn

Seltener sind die Spuren der Labouranhänger!

Much rarer are traces of Labour supporters.

Ukip on the Block (Taz. Die Tageszeitung)

Benfleet Haltestelle

A short intro paragrah in English can be found at the end!

Mein Bericht über das Städtchen Benfleet in Essex, dass die Populistenpartei Ukip als Lösung ihrer lokalen (!) Probleme auserkorren hat:

Link:  http://www.taz.de/Wahlerfolge-britischer-Rechtspopulisten/!116246/

Was nicht in die Zeitung kam und weitere Beobachtungen:

  • Wikingerdenkmal BenfleetIm 5. Jahrhundert von Sachsen gegründet, wurde Benfleet im Jahr 893 zu einer Festung dänischer Wikinger, doch bereits im darauf-folgenden Jahr wurden diese von den Sachsen angegriffen, besiegt und letztendlich vertrieben. Mehr als 1.000 Jahre später ist nun eine Partei an der Macht, die sich, gemäß der frühen Geschichte der Stadt, stark gegen die Einwanderung Fremder einsetzt.
  • Ian und Ann Brown in ihrem Suesswarenladen in BenfleetAuch politische Apathie muss bezüglich dieser Wahlen erwähnt werden. In einem Wahlsystem, dass keine Mindestwahlbeteiligung kennt, bemühten sich im gesamten Shire Essex nur 27.6 % der über eine Millionen registrierten Wähler ihr Zettelchen abzugeben. In Benfleet selber waren es 31.4 % der insgesamt 13.159 Wahlberechtigten. Ian Brown, 48 ist einer der Leute die nicht wählten. “Sie sind alle gleich, machen Versprechungen, die dann nicht gehalten werden“, urteilt der 48-Jährige, der auf der Hauptstrasse Benfleets einen Laden mit traditionellen Süßwaren führt. Auch seine Frau Ann wählte nicht, aber nur weil es diesmal zeitlich nicht geklappt hat. Normalerweise, versichert sie, wähle sie kritisch, „jedes mal je nach politischer Lage und dem was die Politiker sagen“. Das andere MitbürgerInnen jetzt Ukip wählten, bedauert die Geschäftsberaterin. Sie verstehe aber, dass manche zu kurzschlüssigen politischen Haltungen kommen. Sie erzählt, wie Ihr Mann Ian wegen der Rezession und der gleichzeitigen Konkurrenz billigerer europäischer Arbeitskräfte nicht mehr als Gipser, sein eigentlicher Beruf, überleben konnte. So kam es vor zwei Jahren zu dem Süßwarenladen.

  • Die Stadtflucht weißer Engländer, meist aus den ärmeren Vierteln Londons, ist nahezu legendär und führte zur Metamopphorse des ehemaligen gehänselten typischen Cockney Londoner, zu „typischen Essex Männern“ und „Essex Blondinen.“ Diese sind nach dem vorurteilshaften Stereotyp, neureiche Londoner aus der Arbeiterklasse die nach Essex zogen. Ihnen wird eine angebliche einfache politischen Meinung, die von oberflächlichen und angeberischen Konsum getrieben wird, angerechnet.

  • „Richte dem Mann aus, dass Mr Campbell ihm sage, er spiele mit dem, was hinter Nellys Schwanz ist.“ (‘Nelly der Elefant’, engl. Kinderlied). Der 77 jährige gebürtige Jamaikaner, der dies verkündet, kam 1955 nach England. Er erinnert sich noch an die Schilder vor Mietwohnungen in London. „Keine Schwarzen, keine Iren, keine Kinder!“. Vor 30 Jahren zog er nach Benfleet, da er in einer nahegelgenen Ölraffinerie arbeitete. Die Antieinwanderungspolitik Ukips macht ihn wütend: „Einst sprach mich jemand auf der Straße an und beschuldigte mich, dass ich ihm seine Arbeit genommen hätte. Da fragte ich ihn: ‘Welchen Job habe ich Dir genommen, den Du je gewollt hättest?’“

  • Kampagnenflugblatt gegen neue Siedlungen im "Greenbelt", BenfleetEssex bleibt aber nachwievor von den Konservativen,mit 42 Sitzen dominiert. Labour ergatterten neun Sitze, und die Grünen konnten ihre ersten zwei Sitze in Essex feiern (auch hier hatte es etwas mit geplanten Bau in geschützten Grünzonen zu tun).
  • Clr. Alan Bayley, Ukip, BenfleetMit den nationalen und persönlichen Erfolg Ukips im Rücken, erkundigt sich Alan Bayley, neugierig wie es mit den Chancen für Alternative für Deutschland steht.

  • Dem Benfleeter Bewohner David Bowden bereitet das alles Sorgen. Der Medizinfotograf im nationalen Gesundheitssystem versteht sich als Sozialist. „Was mich am meisten stört ist, dass einige meiner Nachbarn, die enthusiastisch von Ukip reden, Veteranen sind, die einst durch ihren Einsatz die Welt vor dem Nationalsozialismus retteten. Ich glaube sie haben vergessen, worum es damals ging. Zu jedem der Ukip wählte sage ich: „Seid vorsichtig was ihr Euch da wünscht!“

  • The owner of a tatoo and barber shop on the high street, where a man greeted me who had the three swards of Essex tattooed on his cheek, told me after explaining myself, that “I was in  the wrong shop.”  After I said that I was interested in their opinion, they said, we are trying to politely tell you you to go,!” which I did.
  •  Im “Conservative Club” Benfleet, der der konservativen Partei gehört ist eine populäre Bar. Mehrere Konservative gestanden dort Ukip hat recht, und manche sogar dass sie für Ukip gewählt haben.  Insofern spielt sich die Rebellion unter den Konservativen im Unterhaus auch in den lokalen Parteivereinen ab.

Conservative Club Benfleet ist nicht mehr der beliebteste Club der Stadt.

ENGLISH:

Benfleet in Essex is a typical town in Essex.  It is one of nine areas in Essex were Ukip was voted in during the May 2013 local elections.

My article introduces the political outlook here, which is pretty much the same across the country where UKIP managed to get 25%

of all votes.  In my opinion UKIP knows pretty much what to say and what not to say, even on local level, although one of the local Essex candidates has been reported in the gay press as having made remarks concerning gay marriage.

Ukip seems to attract two kind of voters.  One group are disgrunteled voters of the main parties, the others hopeful voters of the right, including the far right.  Ukip says they would not let any BNP member become a Ukip member and in that they would be the only party to do so in the country.

Benfleet is a place with relatively few immigrants.  It has however a population that is part of the “Essex man syndrome”, that is former Londoners who openly state that they did not want to remain in diverse London, and rather take their kids in schools “where English was not the minority.”  I felt that most who were vocal about immigrants had a rather negative view of these, not appreciating advantages and contributions made.

At the same time, as anywehere else in Europe the EU debate is alive here.  However rather than just focusing on currency and the problems of the market , it focuses much on Eastern Europeans.

In the German bit above, you can also read what did not make it into the paper and extra observations.

Link:  http://www.taz.de/Wahlerfolge-britischer-Rechtspopulisten/!116246/ use googletranslate to enter this link and get a reasonable translation.