Reporting from London. Das Jahr 2016 aus eigener Feder.

Reporting from London. Das Jahr 2016 aus eigener Feder.

Dises Jahr war für mich als in London lebender Korrespondent besonders voll. Hier in Großritannien  gab es nicht nur das Brexitreferendum und einen Regierungswechsel nachdem Cameron zurückgetreten war, sonden auch Probleme in der Arbeiterpartei, den 90. Geburtstag von Königin Elizabeth und die Bürgermeisterwahlen in London im Angebot.

Vor dem nun berüchtigten EU Referendum zog ich für die taz durch ein Duzend Städte und Regionen Englands und befragte dort ganz gewöhnliche Menschen, wie sie sich entscheiden werden, “In” oder “Out”. Darunter Städte wie Bristol, Aberysthwyth, Leicester, Chicester und Newquay.  Wöchentlich außerhalb London situiert war ich einer der wenigen Journalisten, die sich auf Grund der Recherchen vor Ort klar wurden, dass es bei der Abstimmung zumindenst eher sehr knapp werden würde. Unter den vielen Leuten, die ich in Wales, Cornwall und England traf (Nordirland und Schottland übernahm mein Kollege Rolf Stotscheck), blieben vor allen die Fischer in Portsmouth in meinem Gedächtnis hängen (Die Fischer von Portsmouth wollen raus). Es war ihre Geschichte von „Schlachten,“ zwischen ihnen selber und französischen Fischern auf hoher See. Als Grund nannten sie die EU Fischereiquoten. Natürlich, so erzählten sie mir, stimmten sie alle für den Brexit, ganz klares Ding, angeblich. Zur gleichen Zeit lies jedoch Greenpeace wissen, dass das Problem solcher Fischer eigentlich gar nichts mit den EU Quoten zu tun habe, sondern mit ausbeuterischen Großunternehmen im Vereinigten Königreich selber, welche  diese Quoten aufkaufen und sie dann ihrerseits an kleinere Fischerflotten abgeben (siehe Greenpeace Bericht (englisch) hier). Das, laut der Umweltorganisation, sei also das wahre Problem und sei eine vollkommene interne Angelegenheit und innerhalb Großbritanniens selber lösbar.

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Die ausländerfeindlichste Stimmung gegen die EU nahm ich jedoch in Dover wahr (Ein Besuch im Hotspot Dover). Es war ein sonniger doch politisch sehr frustrierender und düsterer Tag in der Hafenstadt. Als Reaktion gab ich einen um Geld bittenden somalischstämmigen Briten an der Haltestelle in Dover am Abend zu viel des Guten. Eine Überreaktion, da ich dachte, dem hilft hier neimand.
Wie es oft der Fall ist, begab ich mich auch in 2016 in mir bisher relativ unbekannten Gegenden. Batley in Yorkshire beispielsweise, oder Dudley im Black Country und Sleaford. Zum Teil kamen dabei radikale und extreme Meinungen zum Vorschein, symbolisch für den populistische Mix dieser Zeit und die Unyufriedenheit vieler (siehe z.B Im Land der SchuldzuweisungenEine Schauspielerin solls richten ).
Auch stark in meiner Erinnerung bleibt ein längeres Interview mit Marina Litwinenko, der Witwe des mit höchster Wahrscheinlichkeit durch Russland ermordeten Alexander Liwinenko (Die beharrliche Witwe). Sie trank während des yweistündigen Interviews keinen Tropfen Wasser, während ich einen Kaffee genoss.
Mein Treffen mit dem korpulenten Clasford Sterling, dem Aktivisten und Fußballcoach auf Broadwater Farm, einen Wohnkomplex in Tottenham, war ein anderer einprägender Moment. Sowohl die Regierung in Westminster, als auch die Lokalbehörden beabsichtigen den Wohnkomplex abzureisen. (Streit um Broadwater Farm). Nahezu allein kämpfen er und die Bewohner gegen die Politik.

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Foto Daniel Zylbersztajn, (c) 2016, All rights Reserved

In der Arbeiterpartei Labour gab es dieses Jahr mehrere Krisen. Zum einen gab es Probleme mit dem Antisemitismus, zum anderen wurde dem Parteivorsitzende Jeremy Corbyn von seiner Parlamentsfraktion das Misstrauen ausgesprchen, woraufhin er von Owen Smith zu einer einer Neuwahl aufgefordert wurde, welche Corbyn schließlich mit vergrössertem Mandat für sich gewann. Ich  habe das alles nach und nach für verschiedene Zeitungen dokumentiert (siehe u.a. Labour und der Judenhass, und Labours Feindschaft) Zum Antisemitismus gab es in der Jüdischen Allgemeine hierzu sogar ungewöhnlich ganze vier Beiträge, inklusive einem Leitkommentar. Auf der anderen Seite schrieb ich in einem langen taz Schwerpunkt über die ungebrochene Popularität Corbyns in seinem Wahlkreis im Norden Islingtons. Nach zwei Wochen langen Recherchen, gab es wenig unter den von mir in Nordislington Befragten, die sich negativ über Corbyn ausdrückten. Labour: Dem alten immer noch treu.

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Foto Daniel Zylbersztajn, (c) 2016 All Rights Reserved

Zum Ende des Jahres würde ich, neben einen Besuch zu Chanukkah vom Jewish Labour Movement (Labour geht ein Licht auf), dann noch einen symphatischen Müllmann treffen, der bei einer Nachwahl Labour Abgeordeter werden wollte.Er schaffte es nicht und wurde nur Dritter. Ukip gegen Labour im englischen Brexitland.

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Jim Clarke, Binman aiming for Westminster seat for Labour in Sleaford. Creative Commons License, Share with full reference(c) 2016

Besonders interessant waren zwei auf längere Recherchen beruhende Texte. Eine Schwäbin in Kent behandelte die Person Anna Essinger und die Schule, die sie 1933 von Ulm nach England verfrachtete, wo sich die Schule später vorallen um jüdische  Flüchtlingskinder kümmerte. Ich traf mich mit mehreren Zeitzeugen, der Jüngste 83, der Älteste 92.  Später kam es deswegen in London zu einem Vortrag mit zwei Zeitzeugen, von dem es ein Video gibt (Englisch).

Eine andere Recherche, die sich mit der Vergangenheit beschäftigte, bezog sich auf Prinzessin Alice, der Mutter von Prinz Phillip. Ich befasste mich sogar länger, als ich es beabsichtigte mit dem Thema und interviewte letztendlich auch ihren Biographen. Grund war, dass mich das oft mit Tragik erfüllte Leben der Prinzessin faszinierte. Unter anderem, rettete sie auch eine jüdische Familie und viele verletzte Soldaten. Für den Bericht, Die vergessene Helferin, bekam ich die persönliche Erlaubnis ihrer Hoheit Prinz Philip, Fotos seiner Mutter wiederzugeben.

Absage nach Paragraph 116 spricht von bürokratischen Verordungen in Deutschland gegen welche die adoptierte Tochter eines jüdischen Flüchtlingpaares aus Deutschland gestossen war, die nach dem Referendum die deutsche Staatsangehörigkeit beantragen wollte.

Nebenbei arbeitete ich für die Südengland Ausgabe des ADAC Reisemagazins. Hier ging es um ganz andere,  weniger politische  Themen, sondern um Besonderheiten Südenglands. Meine besondere Aufgabe war es dabei  Menschenprofile zu recherchieren, interviewen und mit Fotografen zu koordinieren. So endete ich auf einer Teeplantage  mitten auf einem riesigen Privatgut in Cornwall (Tregohnan), lief zusammen mit dem Fotografen Reinhard Hunger  vier verschiedenen Pfarrern in Oxfordshire hinterher, befragte einer Kanalschwimmerin, die bereits dreimal von Dover nach Calais geschwommen war, über ihre Motivationen, lernte die Buttlerin eines aristokratischen Haushalts kennen, interviewte und hatte Mittagessen mit der Graffitikünstlerin Gemma Compton,  einer der führenden Frauen in der englischen Streetartszene, und hatte eine Führung der McLaren Fabrik, durch Amanda Maclaren der Tochter der Gründers und Rennfahrers  Bruce Maclaren, die mir unerwartet und offen von ihrem Vater erzählte, der 1970 bei einem Rennen sein Leben verlor. In Maidenhead traf ich dann den “Schwanzähler” ihrer Majestät der Königin, und begab mich in eine Perückenwerkstatt im Zentrum Londons, wo die Perücken der Richter und Anwälte des britischen Rechtssystems angefertigt werden.  Weitergelegen in mitten einer Bucht umrandet von tiefen Wald in der Nähe von Southampton, bekam ich eine persöhnliche Führung für das Magazin der Übereste eines jahrhundertealten englischen Kriegsschiffes, der “Holy Ghost”, auf welche der Historiker Ian Friel zufällig gestossen war. Aber ich entdeckte nebenbei, dass er auch ein Dramatuloge ist.

Am Ende musste für die auch noch ein Titelbild organisert werden. Dazu musste ich erst vier  Kinder organiseren, die vor einem burgähnlichen Turm in Ritter und Prinzessinenkostümen auftreten sollten, sie nach Oxfordshire fahren und mich dort mit den Fotografen Peter Guenzel und seinem Team treffen. Es ging alles gut. Die Mädchen, beide acht Jahre alt, darunter auch meine Tochter, beschwerten sich jedoch, dass nur die Jungs mit den Schwertern kämpfen durften und Am Ende machte der Fotograf dann noch Fotos mit allen Kindern mit Schwertern, ins Magazin kam jedoch das mit der traditionellen Geschlechterteilung.

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Die Mädchen hatten genug davon, dass nur die Jungs mit den Schwertern kämpfen sollten, und erfriffen die Waffen! Foto: Daniel Zylbersztajn, (c) 2016,  All Rights Reserved

 

Andere interessante Berichte:

 

 

Die Nacht des EU Referendums

In der Nacht des Brexit Referendums schlug ich mich mit einem Leihwagen an mehreren Orten gleichzeitig für die taz herum, denn ich war ihr einziger Mann in London selber. Gegen vier Uhr am Morgen war ich so dabei, als Nigel Farage seine Siegesrede hielt.

Taz hatte am Ende nur einen Bruchteil  meiner langen Nacht und Reportage ins Blatt genommen, da man sich entschlossen hatten, auch aus u.a. aus Brüssel und Berlin  Angaben einzunehmen. Das war für eine Tagesyeitung keineswegs verkehrt, denn das referendum hat ja internationale Auswirkungen.

Als Extrabeilage hier zum Jahresende dieses markanten Jahres, deswegen mein persönlicher Bericht der Brexit Referndumnacht in London, so wie ich es erlebte, im Zeitraffer.

Gott wird Grossbritannien retten!

23. Juni 2016

07.00 Die Wahllokale machen in ganz Grossbritannien auf

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08.25 Arsenal U-Bahn Eingang, Nordlondon: Eine junge Frau hat “I’m In” Sticker in der Hand und reicht sie den Leuten in der Morning Rush Hour. “Komm schon”!, fordert sie die Leute auf. In der U-Bahn sitzen bereits zahlreiche Personen  mit dem Sticker.

10.15, Kings Cross, Philip 24, steht hinter einem Klapptisch mit Prospekten und Stickern. Der gerade graduierte Rechtswissenschaftler erzählt, wie er hier seit halb sieben steht, “weil er sich als Eurpäer versteht”, und bis jetzt “nur ein paar Leute” ihn angeschrien hätten. Am Russell Square und in Holborn stehen ebenfalls Remain Leute. Anastasia Koro Literaturdoktorantin aus Russland steht auch da, mit DockMartins und schwarzer Hose und sagt, “Ich stehe hier gegen Putin”! Russland ist an alle dem Schuld, schau Dir Georgien und die Ukraine an, “ Sie hat sich extra den Tag frei genommen und will hier bis 10 Uhr nachts bleiben.

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20.00 Hannover Schule, Noelstraße, Islington, Nordlondon. Eine Menschentraube von mehr als 30 Menschen, alles Journalisten, steht vor dem Eingang. Ein großes weißes Schild verät es ist eine POLLING STATION, ein Wahllokal. Drei Jungen mit Hoodies fahren auf der Straße vorbei und schreien laut: “Fuck the EU, Fuck Boris!” Es ist das Wahllokal, wo Brexitanführer und ehemaliger Londoner Bürgermeister Boris Johnson bald  seine Stimme abgeben soll. Georgia Bendath, 29 kommt aus dem Wahllokal in dem sie gerade für Remain stimmte und beschreibt Boris als Idioten, weswegen hier die ganze Show laufe, während kein einziger Mensch drinnen sei.

20.10 Colebrook Street, Islington. Vor dem Wohnhaus Boris Johnsons steht ein Polizeieinsatzwagen und  ein bewaffneter Beamter zusammen mit vier Photographen.

20.40 LSE, Kellner mit Schleife bieten Leckerbissen vor eleganter Crowd an, ehemaliger LSE Student John Evans, 67 und seine Frau Jane kamen aus der Grafschaft West Sussex heute extra hier her, um bei dieser akademischen Veranstaltung zum Referendum endlich Fakten zu erhalten. Beide sind im Remain Lager.

21.05 Prof. Kevin Featherstone beginnt die LSE Veranstaltung und dankt erst mal seinen zahlreichen Kollegen. Im vollen Auditorium stehen Sektglaäser und Bierflaschen.

22.00 Millbank Tower, 29. Stock, Vote Leave.EU Party. Der Veranstaltungssaal ist nur halbvoll. Der Ukip Europaabgeordnete Raymond Finch, sagt er hofft, dass er heute seinen Job verliert und einen echten Job bekommt. Es gehe darum, dass man auf die Arbeiterklasse höre und um Souvereignität. Im Hintergrund singt die Band, alle Mitglieder sind schwarze Menschen, ganz im Gegenteil zum Rest der Anwesenden, “Wishing on a Star”. Doch die ersten Resultate des Referendums kommen nicht wie erwartet jetzt, sondern  sollen erst gegen Mitternacht einrieseln.

Die Kollegen vom Deutschen Handelsblatt sind auch da, mit ganzen drei Personen, und haben sich Papierhütchen mit Unionjack aufgesetzt.

22:35 Millbank Tower. Zwei der Sicherheitskräfte unterhalten sich am Eingang auf polnisch. Einer von ihnen, Martyn witzelt: “Noch reden die Leute mit mir hier”.

22:40 Abingdon Street, College Green, gegenüber dem britischen Parlament: Dean John, 52 hält ein Plakat mit dem Titel “Verrottetes Europa”, hoch und erklärt, “Gott wird Grossbritannien retten”!. Liz neben ihm, weht Autofahren mit ihrem selbstgemachten  Schild, “Love Europe, Leave the EU”, entgegen. Neben ihnen steht ein Dorf mit Zelten von über 30 Fernsehanstalten. Am Parliament Square liegen Blumenstraüße für die ermordete Jo Cox, sie wollte in der EU bleiben, und wurde dafür ermordet.

23:25 The Dove Pub, Broadway Market, Hackney, Ostlondon:  Architekturstudentin Emma verkündet, dass sie nach Frankreich ausreisen werde, sollte Brexit gewinnen.

23:38 The Dove Pub: Lautes Geschrei von einer kleinen  Gruppe mit großem blauen Vote Remain Poster. Auf dem Bildschirm vor Ihnen ist gerade das Resultat aus Gibraltar  verkündet worden. The Rock will  in der Union bleiben.  Die Remain Gruppe  zeigt auf die Männer am Nachbartisch aus Südwestlondon, Brexitanhänger, die hier laut ihren Angaben zur Brexitfeier gekommen sind, doch die Nacht ist noch lang. Dennoch spricht Ukip Führer Nigel Farage im Fernsehen davon, dass das EU Lager einen Vorsprung habe. Der 37 Jahre alte Norweger Syver Zachnassen, der Vereingung “Norweger Jugend gegen die EU” , der seit März die Brexitkampagne unterstützten, ist dennoch  noch nicht reigniert.

24. Juni 2016

00:31 LSE: Mehr als 25 Leute stehen vor einem der Fernsehschirm. Ganz vorne ist Sir David Buttler, 92 Jahre alt,  er vervolge jede Wahl seit 1942, und schrieb einst ein Buch zum aller ersten Referendum. Seine Brille ist abber jetzt nach unten auf die Nase gerutscht, man sieht ihm Fassungslosigkeit an. 50.5% der jetzigen Stimmen sind für Out, erzählt die BBC gerade . Professor Luis Garicano von der spanischen Antikorruptionspartei Prodemos gesteht die  momentane Aussicht depremiere und überasche ihn. “Die verlierer müssten eine Entschädigung erhalten”, sagt er. Dr. Swati Dhingra, die heute um 10.00  Uhr hier  Vorlesung halten muss, schafft es dennoch nicht nach Hause zu gehen. Sie fürchtet schlimmste wirtschaftliche Konsequenzen.

01:23 Parliament Square. Ein Straßenreinigungstrupp schmeisst die Blumen zum Andenken Jo Coxs nach und nach in einen Abfallwagen

0:29 Lift Millbank Tower. Ukip Parteimitglieder sprechen über den” verdienten Urlaub auf  Ibiza”. Als der Lift ein paar Etagen vorher stehen bleibt, steigen Journalistinnen von Russia Today ein. Ein Ukiper witzelt mit gefälschten russischen Akzent ARRTI. Keiner findet es lustig.

01:35  Millbank Tower, 29. Stock. Vote Leave.EU Medien Chef Brian Montleith schaut auf den Monitor, neue Resultate zeigen das “Exit” Vorsprung ansteigt: “Fucking Brilliant! That’s Brilliant!, bemerkt er. Die Fenster im Obergeschoss sind inzwischen von angeschlagen, Nigel Faragehält sich  in einem abgeschlossenen Raum auf, da wo vorher noch die Musikband war.

02:00 LSE Die Menschenversammlung vor dem Fernseher ist nun doppelt so gross. Sir David Buttler steht immer noch ganz vorne. Die Out Stimmen sind  inzwischen auf 53% angestiegen Eine dreier Runde, sie sind alle Angestellte der britischen parlametarischen Bibliothek, diskutiert die Resultate. Lukas Audickas will wissen, dass es nicht so schlimm ist. “Wir wissen, dass sind nur die ganzen dörflichen Gemeinden”!  An einem anderen Tisch argumentiert IT Dozent Derek Groen, 34, dass man schnell allen Universitätspersonal fünf Jahresverträge geben müsse, denn wenn die europäischen Gelder verschwänden, würden auch das akademische Personal gehen. Seine Frau Moqi Groen-Xu ist sauer, daß all dies gerade ausgerechnet an ihrem Geburtstag geschehe.

02:55 LSE Die Resultate Resultate aus London  kommen: Die Leute in der LSE freuen sich. Endlich kommen die  Stimmen für den Verbleib in der EU, doch die Freude ist nur kurz. Alle müßten den Saal räumen, sagt eine Frau, man müsse die Uni um 0300 dicht machen.

03.11 Bar Italia, Frith Street, Soho, West End:   Fußballfreunde Jo, David und Nick alle mitte 50, streiten über das Referendum und schauen gebannt auf den grossen Bildschirm an der Wand. Der rumänische Crossdresser im Minirock und Stöckelschuhen Constantin Tianmic, 25  spricht von Politricks, und sagt, “er kann es fühlen, dass alles noch gut ausgehen wird”. Er hat vor hier bis um 06.00 Uhr zu bleiben.

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Referendumnacht Bar Italia, Foto Daniel Zylbersztajn (c) 2016

03.46 Millbank, Erdgeschoss. Die Party hat sich  von oben ins Erdgeschoss  verlagert und ist guter Laune.  Raymond Finch, MEP, sieht aus als sei alle Bürde von seinen Schultern gefallen. “Dies ist worauf ich seit 10 Jahren gewartet habe. Freiheit, wir haben unsere Freihit wieder”!, jubelt er. Er will das ganze gleich mit mehr Bier feiern, aber an der Bar gibt es nur noch Wasser. Die Athmospäre steigt mit Aufregung und Wichtigkeit, ein Resultat nach dem anderen ist für “Out”.  Die Menge schreit “we want Out!”

03.55 Nigel Farage betritt den Raum und stoeßt auf einen Freund. “45 Jahre, ich kann es nicht glauben”!, teilt er diesem mit, mit Tränen in den Augen, und verfolgt von Kameras. Es folgt eine Rede, die vom Sieg für echte Menschen gegen den Kampf der großen Politik spricht und dem “Morgen der Unabhänigkeit”.

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Nigel Farage vor seiner Siegesrede, 24 Juni 2016, Foto Daniel Zylbersztajn, (c) 2016

04.10 Die Fernsehübertragung spricht vom stärksten Fall des Pfunds seit 1985. Ein Mann im Saal ruft, “Yeah, hoch auf den britischen Export”. Farage wird von verschiedenen Kamerateams interviewt, hinten an der Bar gibt es Schinkensandwichs. Jedesmal wenn ein weiteres Out Resultat gemeldet  wird,  schreien die Anwesenden “Yeah”!

04:40 Tageslicht kommt auf, und die BBC verkündet, “Der Brexit sei eine sichere Sache”!

04:50 Bar Italia, Soho: In der Bar Italia ist nur noch ein Gast übrig, auch der Crossdresser ist weg. Der Bulgare erzählt, dass alle gegangen seien, weil sie es nicht mehr mitansehen und ertragen konnten. Er selber sei aber glücklich. “Die EU ist  schlimmer als Bulgarien unter dem Kommunismus”, behauptet er ohne es zu begründen.

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Mit dem Frust des resultates, konnten sich Londoner nicht mehr länger halten. Bar Italia leer, nachdem das resultat klar war, Foto Daniel Zylbersztajn (c) 2016

05.11 Ein Pressekordon baut sich vor Downing Street auf.

05.17 Parliament Square Jo Cox  Blumen sind alle weg.

06.00 St. Pancras International Bahnhof: Craig, 34 wartet auf den Eurostar. Er sagt er ist zufrieden mit dem was gerade passiert sei. “Jetzt haben wir die Freiheit um zu handeln mit wem wir wollen”. Er liebe Europa, aber nicht die EU. Emma Hasselbach, 19 aus Washington State, die ebenfalls gleich nach Paris fährt, macht das das Resultat des Brexit jedoch Angst. Ich sehe jetzt, dass so was auch bei unseren bevorstehenden Wahlen in den USA passieren kann, und da wartet kein anderer als Donald Trump.

06.30 Am Kings Cross, dort wo Philip noch am Vortag stand liegt nur noch ein Flugblatt von ihm auf dem dreckigen Strassenpflaster.

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Gegen  sechs Uhr Morgen am St Pancras Bahnhof mit dem Resultat klar, Foto (c) 2016Daniel Zylbersztajn


08:10 David Cameron tritt vom Amt des Premierministers zurück

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Kings Cross 6.30, 24.6.2016

 

 

Zum Ende noch ein Foto, welches ich bei der pro EU Demo nach dem Referendum aufnahm. I am Brit (ish) schrieb da einer. Auf Deutsch, beduetet die ish Zufügung, dass man so mehr oder weniger etwas ist.

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March for Europe, London 2/7/16 All Rights Reserved Daniel Zylbersztajn (c) 2016

Grossbritannien: Menschen und das EU Referendum – People in Britain and the EU Referendum

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Foto (c) Reinhard Hunger, 2016, All Rights Reserved

In den letzten zwei Monaten berichtete ich im Namen der taz  aus verschiedenen Gegenden in Grossbritannien und besprach mit Menschen das EU Referendum.  Hier meine Berichte.

In the last three months I travelled to about a dozen regions of the UK for the  German taz to speak with people about the impending EU Referendum, here the sum of my reports:

Aberysthwyth, Mid Wales: Nur die Alten sind pro Brexit : Only the old are for Brexit

Aberysthwyth, Blick ueber die alte Burg. Alles geschichtlich mit Europa verbunden (1)
Aberysthwyth, Blick auf die Burg, (c) 2016 Daniel Zylbersztajn, All Rights Reserved

Bristol. Egal, Egaler Bristol :  Doesn’t matter, don’t care!

Chichester: Kathedrale, Uni, Wohlstand.  : Cathedral, University, Well Off

Chichester Katherdrale Blick von Sueden nach Norden
Beten zur besseren Entscheidung, Chichester Kathedrale. (c) 2016 Daniel Zylbersztajn, All Rights Reserved

Dover: Ein Besuch im Hotspot.  Visit at the hotspot!

Europafaehnchen ueber der Fussgaengerzone Dover
|Dover: Noch sind alle Europafahnen da…  (c) 2016 Daniel Zylbersztajn, All Rights Reserved

Leicester. Die EU ist wie Star Trek.  : The EU is like Star Trek

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Leicester: In Sachen Fussball geht Europa noch. (c) 2016 Daniel Zylbersztajn, All Rights Reserved

 

Newquay, Cornwall: EU Skeptiker im Westen Cornwalls. : EU Sceptics in the West of Cornwall

Newquay, Kornwall
Newquay, Cornwall, trotz der Touristen gegen Einwanderer! (c) 2016 Daniel Zylbersztajn, All Rights Reserved

Kingham, (West) Oxfordshire: Am Ende gewinnen die Brexiter.  At the end Brexit has it!

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Daniel Zylbersztajn, interviewing a participant during the  Kingham EU Referendum Debate (c) 2016 Reinhard Hunger, All Rights Reserved

Portsmouth.  Fischer in Portsmouth wollen raus! : Fishermen in Portsmouth want Out

Dean Ryan und Sohn Dino wolen Brexit, denn die Franzosen fangen Jungfische in unseren Gewaessern
Fischer Dean Ryan und Sohn Dino in Portsmouth, (c) 2016 Daniel Zylbersztajn, All Rights Reserved

Woking: Viel Angst ums eigene Land :Lots of fear about ones country.

Selbst das Bahnhofscafe ist ein Starbucks in Woking
Woking, selbst das Bahnhofscafe ist ein Multinationales. (c) 2016 Daniel Zylbersztajn, All Rights Reserved

Andere Berichte:  Other reports:

 

EXTRA!  Nicht veroeffentlicht : Not Published

Maidenhead: 

EU Ja, EMRK Nein!

All Rights Reserved (c) 2016

Das Dorf Cookham. Trotz der Fahnen EU naeher als im Rest des Bezirks.  1

Aus Maidenhead, England, Daniel Zylbersztajn

50 Kilometer westlich von London, vorbei am Flughafen Heathrow liegt der königliche Bezirk von Maidenhead und Windsor, mit Rund 144560 tausend Einwohnern. Hier liegt die Wiege des englischen Establishment, mit dem das Windsor Castle, Eton College und der Aston Pferderennbahn. Obwohl das Taxigeschäft in pakistanischen Händen ist, ist der Großteil der Anwohner hier, um genau zu sein 79.3 Prozent, nach britischen Kategorien “weiß Englisch”, ein starker Kontrast zur traditionellen Einwandererstadt Slough am Rande Londons, dessen 34.52 prozentiger „weiß englischer“ Anteil der dortigen Einwohner der niedrigste Großbritannien außerhalb Londons ist.
Nicht wenige hier in Maidenhead wappnen sich gegen die Entwickelungen bei den Nachbarn, darunter auch die konservative Innenministerin Theresa May, die hier Parlamentsabgeordnete ist. Nicht selten gab sie sich für eine härtere Politik gegen Immigranten.

Mit solchen Sprüchen dürfte sie bei ihrer Wahlgemeinschaft gut ankommen. Auf der Fußgängerzone Maidenheads, gleich neben dem spanischen Paellastand versichert Lokaljournalist Terry Patterson, 73, er sei kein Rassenhasser, Immigration hätte viele gute Seiten, aber Tatsache sei, dass das Gesundheitssystem Schulen, Arbeitsplätze überfordert seien. Die Lösung sei einfach. Mit einem Raus aus der EU, wird wieder für ordentliche Grenzkontrollen gesorgt. Der pensionierte Ingenieur John Hatley, zarte 87 Jahre alt, findet ebenfalls, dass zu viele Immigranten in den Wartezimmern seines Hausarztes und des Krankenhauses sind. Statt die sechs Jahre anhaltende konservative Austeritätsregierung zu beschuldigen, dessen Kürzungen, einer ansteigenden Bevölkerung nicht nachkommen, tragen seiner Meinung nach nur die Immigranten Schuld an allem. Die seien sowieso Terroristen und Frauenschänder. Out of Europe sei seine Antwort darauf.

Dave, 49, mit fetten Koteletten an den Wangen, seinen Nachnamen will er nicht nennen, hat Angst vor den Leuten aus Calais. Er will nicht, dass sie nach England kommen, und dann „mit einer Axt auf ihn einschlagen könnten“, eine Anspielung auf den vor drei Jahren in Woolwich von radikalisierten jungen Männern mit einer Axt und Messern ermordeten Soldaten Lee Rigby. Ganz richtig ist seine Anspielung aber nicht, denn die Attentäter wuchsen beide in London auf, und wurden teilweise hier von anderen Briten radikalisiert. Was ist mit der Tatsache, dass viele der Flüchtlinge vor genau solchen Terror auf der Flucht sind? Dave trägt ein Poppy, die rote Mohnblume, die hier als Symbol des Gedenken der Gefallenen gilt, auf seiner Grünen Jacke. Er antwortet, dass er selber Soldat war. „Die Syrer sollten statt nach Europa zu kommen, für ihre Sache kämpfen“, findet er, statt es „unsere Aufgabe zu machen“. Doch nach weiterem Fragen, gesteht er: „Wissen Sie, ich bin zwar für den Brexit, aber am Ende glaube ich den Politikern nicht, denn sie tun kaum was für mich und meine Familie“. Er erzählt wie er in zwei Jobs arbeitet,, um seine Familie zu unterhalten.

Alan Cassedey, 67, gerade auf seinen Knien am Bepflanzen in seinem Vorgarten hat andere Gründe für seine Brexit Stimme: „Er arbeite in der Flugsicherung und die europäischen Regulierungen zur Flugsicherung sind ein undurchsichtiges, schlecht verfasstes Desaster“. „Bei einem EU Austritt wird es wieder wie früher, wo es relativ leicht war, die Regeln zu verstehen“, prophezeit er.

Erst weiter draußen im idyllischen auf Besucher gedrillten Dorf Cookham löst sich diese Meinung ein wenig auf. In der Hauptstraße mit ihren vielen einladenden kleinen Geschäfte für Wohlbegüterte hängen auf beiden Seiten große britische Unionjacks und englische Saint Georgenflaggen. Die Besitzerin einer Modeboutique und ihre Angestellten sind sich bezüglich der EU uneinig. Während eine der Angestellten eine Brexitbefürworterin ist und ihr Land zurück haben möchte, meint ihre Kollegin Alison Hatcher, 53, dass die Auswirkungen eines Brexit zu ungewiss seien. Inhaberin Vicky Bond, ist sich aber noch nicht sicher, sie hält die Argumente auf beiden Seiten für übertrieben, und glaubt sich leicht auf der Brexitseite zu stehen.

Etwas weiter in der gleichen Geschäftstrasse ist der Galeriebesitzer Kevin B. Beteye, 59, nicht nur permanenter Labourwähler wie er sagt, sondern auch EU Enthusiast. Er spricht vom vereinten Europa, wo alle einander helfen. Seine Stimme beim Referendum ist klar.

Trotz der insgesamt wenigen Stimmen für den Verbleib in der EU im Bezirk, und entgegen Erwartungen vieler, plädierte Theresa May dafür. In einer langen Rede dazu, stellte sie sich überraschend hinter David Cameron, nicht die Union zu verlassen. Oft persönlich als Innenministern im Kampf mit Abschiebungen verwickelt, sollte Großbritannien stattdessen seine Unterschrift auf der Europäischen Menschenrechtekonvention streichen.

(END)

 

 

London Underground / Brexit Dover

Dover Westhafen mit Sicht auf weisse Klippen, Rennovierung gesponsert mit Europahilfe
Revival of Dover Port with EU Money Photo: (c) Daniel Zylbersztajn (2016)

In the last few weeks I was busy researching  for German a magazine that comes out in August. But I also had two texts published in taz, which were however not put online.

  1. On the vulnerability of the London Underground to terror (contribution in a text of many authors) Read here in German
  2. On Europe, and Immigration fear in Dover (original report)  Read here in German Dover1

 

Deutsch

In den letzten Wochen arbeitete ich vor allen an Beiträgen für die Sommer Ausgabe eines deutschen Magazin. Zwei Texte kamen aber auch in der taz heraus. Sie wurden jedoch nicht online veröffentlicht.

  1. Über die Terrorgefahr in der Londoner U-Bahn (Hier Lesen)
  2. Über Europa, Immigranten und die Stadt Dover (Hier lesen Dover1)